Wandern mit krankem Hund, oder: ein Hoch auf Lotte

Wandern mit krankem Hund, oder: ein Hoch auf Lotte

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres beim Wandern, als meine Lotte dabei zu haben. Ich bin mir nämlich sicher, wir haben den besten Wanderhund der Welt. So etwas Zähes, gut Gelauntes und Zufriedenes wie Lotte, gibt es nicht noch einmal. Während wir zweibeinigen Wesen über den langen Aufstieg klagen, die dicken Knie begutachten oder irgendetwas an der Wegmarkierung, der Unterkunft oder dem Essen auszusetzen haben, Lotte läuft und läuft und läuft. Und dass, trotz ihres schwachen Herzens, trotz kaputter Hüfte und trotz schmerzender Fußballen.

Wandern mit Hund in den Bergen
Wandern in den Bergen – für Lotte ein Traum!

Kleine Münsterländer sind Jäger

Aber von Anfang an: Mein kleiner Münsterländer ist per se ein lauffreudiges Wesen. Nicht nur einmal hat uns das in den ersten Jahren die letzten Nerven geraubt. Als Jagdhund immer die Nase am Boden und im Wind, immer auf der Suche nach Wild und immer stur wie ein Ochse. Lotte jagte sogar kilometerentfernte Schwalben in luftiger Höhe – neben Autos, Radfahrern und Zügen versteht sich. Nicht nur einmal wollte ich sie am Baum anbinden und am nächsten Morgen als Retter zurückkommen. Nein, dass habe ich natürlich nicht gemacht! Intensivstes Anti-Jagd-Training, Teambuilding und Konsequenz waren zunächst die Aufgaben, die vor allem Frauchen lernen musste.

Hund nimmt Witterung auf
Nase immer im Wind – Jagdhunde sind in der Erziehung nicht einfach

Und Lotte war weiß Gott nicht gnädig zu uns. Irgendwann gab es zu Hause kein Futter mehr, nur noch unterwegs gegen Gehorsam. Lotte machte Diät, spuckte uns das Futter unterwegs vor die Füße (ehrlich!) und nahm Kilo für Kilo ab. Frauchen knickte ein. 1:0 für Lotte. Ok, eine andere Strategie musste her. Wir trainierten einen Notfallpfiff auf. Da gab‘s dann stinkenden, widerlichen Trockenfisch als Belohnung. Bähhh. Das klappte aus Lottes Sicht auch total gut: Lotte sah ein jagdbares Ziel und dachte sich: „Prima, wenn ich da hinterherlaufe, kommt der Pfiff und dann gibt’s leckkkkaaaa Fisch.“ 2:0 für Lotte.

Hund am Strand
Kontrollierte Vogeljagd erlaubt – besonders in den ersten Lebensjahren für Lotte essentiell

Alles wird irgendwann besser, wenn man am Ball bleibt

Die Pfeife ist mittlerweile in der Schublade verschwunden, die Jagd von Schwalben wurde (kontrolliert) erlaubt und auch sonst taten wir alles, was den Hund auslastete: Ausreiten, Fahrradfahren, Spurensuche, Spiele unterwegs und was uns sonst noch einfiel, um Kopf und Körper auszupowern. Leider wanderten wir zu dieser Zeit noch nicht, dass hätte vielleicht vieles einfacher gemacht.

Ich weiß nicht mehr wann, aber irgendwann wurde alles besser. Heute läuft unser kleiner Jagdhund zu 99 Prozent ohne Leine. Die Jäger – sonst Angstgegner aller Hundebesitzer – nennen unsere Lotte liebevoll „Lotterich“ und sagen nicht mal etwas in der Brut- und Setz-Zeit zu unserem unangeleinten Hund. Einfach, weil Lotte so gut wie immer artig ist. Das kommt uns natürlich auch beim Wandern zugute.

Wandern mit Hund in der Lüneburger Heide
Wandern mit Hund ist Teamwork – auch Frauchen muss jede Menge lernen

Gesundheitlich ein „Montagshund“

Doch so toll Lotte auch ist, gesundheitlich ist sie ein waschechter „Montags-Hund“. Borreliose, Babesien und Anaplasmose – alles durch Zecken übertragene Krankheiten – machten ihr zunächst das Leben schwer. Als wir diese Krankheiten auskuriert hatten, ging es Schlag auf Schlag weiter: Erst musste eine Schilddrüsenunterfunktion erkannt und richtig eingestellt werden, dann kam ein schwaches Herz hinzu. 30 Prozent würde es noch leisten, meinte die Tierärztin damals. Kaum ein anderer Hund würde damit noch vor die Tür gehen. Doch Lotte biss sich immer durch. Unterwegs waren andere Hundebesitzer erstaunt, dass Lotte schon sieben Jahre alt war. Sie meinten aufgrund ihrer Lebendigkeit, einen jungen Hund vor sich zu haben. Das sagt viel über Lotte aus.

Hund im Kornfeld
Lotte – am liebsten in Bewegung

Aber auch das Herz arbeitet heute dank Nahrungsergänzung und Tabletten wieder bei nahezu 100 Prozent. Kaum war das Eine ausgestanden, kam schon das nächste Drama. Lotte stand morgens auf, konnte keinen Schritt mehr gehen. Diagnose: Arthrose in der Hüfte, wahrscheinlich erblich bedingt und durch die Anaplasmose verstärkt. Wir haben ein Jahr gebraucht, um mit Nahrungsergänzung, Akupunktur, Physiotherapie und Übungen wieder einen schmerzfreien Hund zu haben – ganz ohne Tabletten.

Kleiner Münsterländer
Lotte kann auch Diva!

Fernwandern mit Handicap

Und heute? Lotte ist 9 Jahre und läuft und läuft und läuft. Wie ein Michelin-Männchen. Ein Naturheilkundler sagte mal zu mir, bei Arthrose müsste jeder jeden Tag ‘ne Runde um den Block gehen und wenn’s wehtut noch ‘ne Runde mehr. Irgendwie ist da was Wahres dran. Wenn wir einen Fernwanderweg machen, geht es Lotte mit jedem Tag besser. Sie baut Muskeln auf, die ihre Hüfte entlasten, und trainiert ihr Herz. Frauchen trägt für das Vergnügen mit ihr wandern zu dürfen, Wasser, Futter und Spielzeug für sie. Einen Hundewanderrucksack muss ich ihr nicht mehr zumuten.

Wandern mit Hund
Im Harz: Lotte immer nah an Frauchen, auch ohne Leine

Lotte weiß auch genau, wann lange Touren anstehen – wen wundert es bei diesem cleveren Hund? Das bedeutet, sie haushaltet und läuft immer in der Nähe. Sie verlässt keine Wege, wartet an Weggabelungen und ist immer aufmerksam. Sie begrüßt andere Wanderer und Hunde schwanzwedelnd freundlich. Mittlerweile wartet sie auch an Aussichtspunkten, Bänken, Infotafeln und allem anderen, wo wir geneigt sind, eine Pause einzulegen. Es ist der pure Wahnsinn, wie wir uns aufeinander eingestellt haben. Oder vielmehr, wie sie sich auf uns eingestellt hat. Hunde sind eben doch die besseren Menschen.

Fuß und Pfotenabdruck im Sand
Am schönsten ist es, wenn Hund und Mensch ein Team werden

Und: Es gibt keinen glücklicheren Moment, als abends einen körperlich und geistig völlig ausgelasteten Hund neben sich liegen zu haben! Im Bett versteht sich. Denn Kuscheln geht immer. Wir hoffen, dass Lotte ihre Krankheitsliste abgearbeitet hat und wir noch viele schöne Jahre gemeinsam verbringen können – egal ob wandernd oder nicht.

Sonnenuntergang mit Hund
Wir hoffen, dass die Sonne noch lange für Lotte scheint!

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